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Helfen Antidepressiva bei Depressionen?

Hier finden Sie wissenschaftlich gesicherte Fakten für Ihre Entscheidung.

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Antidepressiva wirken oft gut und schnell

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Depression zu behandeln. Ziel einer Behandlung mit Antidepressiva (Pharmakotherapie) ist es vor allem, die depressiven Beschwerden wie starke Niedergeschlagenheit und Erschöpfung zu beseitigen. Die Medikamente beeinflussen den Stoffwechsel im Gehirn.

Studien zeigen, dass allgemein der Nutzen von der Schwere der Erkrankung abhängt: Je schwerer eine Depression, desto eher überwiegen die Vorteile. Das heißt vor allem bei mittelgradigen und schweren Depressionen wirken Antidepressiva gut. Die Wirkung der Antidepressiva kann schon innerhalb von ein bis zwei Wochen einsetzen, es kann aber auch länger dauern. Die Medikamente können jedoch eine Reihe von Nebenwirkungen (zum Beispiel Übelkeit, Gewichtszunahme, Schläfrigkeit, sexuelle Probleme) haben. Zudem zeigen Studien, dass eine psychotherapeutische Behandlung einem Rückfall besser vorbeugt.

Grundsätzlich können Sport und Bewegung das Wohlbefinden unterstützen. Bei einer schweren Depression ist oft eine Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva sinnvoll.

Gerade Menschen mit Depressionen haben oft Schwierigkeiten, sich überhaupt zu überwinden und nach einem Arzt oder Therapeuten zu suchen. Die – oft nicht einfache – Suche nach einem Arzt oder Therapeuten kann eine erste Hürde sein. Wir möchten Ihnen hier Mut machen, dies trotzdem zu versuchen.

Nutzen und Vorteile von Antidepressiva bei Depressionen

1. Bei wie vielen Betroffenen haben sich die Beschwerden nach 12 Wochen Behandlung verbessert?

Grafik Antidepressiva bei Depressionen

2. Wirkung und weitere Vorteile von Antidepressiva bei Depressionen

Antidepressiva wirken gut – vor allem bei mittelschweren und schweren Depressionen.

Weitere Vorteile:

  • Antidepressiva wirken im Vergleich zu Psychotherapie relativ schnell – meist nach ca. zwei Wochen. (Bei einer Psychotherapie tritt die Wirkung nach rund acht bis zehn Wochen ein.)
  • Die Behandlung erfordert im Vergleich zur Psychotherapie wenig Zeitaufwand.

Risiken und Nachteile von Antidepressiva bei Depressionen

1. Wie viele Betroffene haben die Behandlung vorzeitig abgebrochen?

Antidepressiva bei Depressionen
Grafik Antidepressiva bei Depressionen

Mögliche Nebenwirkungen von Antidepressiva sind (je nach Medikament) Übelkeit, Gewichtszunahme, Verstopfung oder Durchfall, Schläfrigkeit, sexuelle Probleme und Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System.

Gründe für den Abbruch können sowohl unerwünschte Wirkungen, mangelnde Wirksamkeit und sonstige Gründe sein. Gründe für die höheren Abbruchraten bei der Behandlung mit Trizyklischen Antidepressiva (im Gegensatz zur Behandlung mit Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern) können die stärkeren Nebenwirkungen sein, es gibt allerdings auch Hinweise darauf, dass sie in bestimmten Situationen etwas stärker wirken.

Weitere Nachteile

  • Nebenwirkungen sind vor allem zu Beginn der Behandlung möglich. Etwa die Hälfte aller Patienten berichtet in den ersten vier bis sechs Wochen vorübergehend von geringen Nebenwirkungen.
  • Bestehende Lebensprobleme, die evtl. mit zur Entstehung der Depression beigetragen haben (z.B. Belastungen im Beruf oder in der Partnerschaft), werden durch Antidepressiva nicht direkt verändert.

2. Wie viele Patienten haben einen Rückfall nach Beendigung der Behandlung?

Grafik Antidepressiva bei Depressione
Die Patienten wurden sechs Monate bis zwei Jahre nach der Beendigung einer 8-20-wöchigen Behandlung befragt. Nach Ende der Behandlung mit dem Antidepressivum kann es häufiger zu einem Rückfall kommen als bei einer psychotherapeutischen Behandlung.

3. Wie wahrscheinlich ist ein Rückfall, wenn die Behandlung fortgesetzt wird?

Grafik Antidepressiva bei Depressionen
Die Patienten erhielten nach der Akuttherapie mit einem Antidepressivum entweder das Antidepressivum weiter oder sie bekamen ein Placebo. Sie wurden meist über 1-2 Jahre weiterbehandelt und untersucht.

Auch wenn es Patienten wieder besser geht, sollten die Medikamente weiter eingenommen werden. Sind die Symptome ganz verschwunden, ist es trotzdem hilfreich, das Antidepressivum zur Verhinderung eines Rückfalls mindestens vier bis neun Monate weiter zu nehmen. Durch diese sogenannte „Erhaltungstherapie“ kann das Rückfallrisiko um bis zu 70 % gesenkt werden.

Antidepressiva machen nicht abhängig!


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Weitere Informationen zum Thema Antidepressiva bei schweren Depressionen

Was passiert bei einer Behandlung mit Antidepressiva?

Es wird angenommen, dass bei Depressionen bestimmte Botenstoffe im Gehirn nicht im Gleichgewicht sind. Dieses Gleichgewicht soll durch Medikamente – Antidepressiva –  wieder hergestellt werden.

Gibt es Unterschiede bei Antidepressiva?

Es gibt verschiedene Formen von Antidepressiva, manche beruhigen eher und verbessern den Schlaf, manche geben mehr Energie – je nach Beschwerden kann das richtige Medikament ausgewählt werden. Die geläufigsten Antidepressiva sind sogenannte Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, die speziell auf den Botenstoff Serotonin wirken. Sogenannte Trizyklische Antidepressiva (TZA) wirken zusätzlich auf weitere Botenstoffe.

Für wen kommt die Behandlung mit Antidepressiva infrage?

Je schwerer eine Depression ist, desto eher ist die Behandlung mit einem Antidepressivum hilfreich. Auch bei langanhaltenden Depressionen (mehr als zwei Jahre) sind Antidepressiva wirksam. Bei Patienten mit leichten Depressionen sind Antidepressiva weniger wirksam, können aber z.B. sinnvoll sein, wenn es in der Vergangenheit schwerere depressive Phasen gegeben hat oder Medikamente früher schon einmal geholfen haben.

Was ist bei einer Behandlung mit Antidepressiva noch zu beachten?

Antidepressiva werden von einem Arzt (meist Hausarzt oder Psychiater / Nervenarzt) verschrieben. Der Arzt sollte Sie über verschiedene Medikamente, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten aufklären. Die Dosierung sollte nur in Absprache mit dem Arzt verändert werden. Außerdem ist es wichtig, die Medikamente regelmäßig einzunehmen. Tritt nach mehr als drei Wochen keine Besserung ein, sollte die Behandlung überprüft und geändert werden. Wenn die Behandlung dann geändert wird (z.B. Erhöhung der Dosis, Medikamentenwechsel), geht es ungefähr der Hälfte der Patienten danach besser. Eine gut eingestellte Behandlung ist bei 75 % der Patienten wirksam. Wenn die Medikamente abgesetzt werden, sollte dies schrittweise erfolgen.

Welche anderen Behandlungsmöglichkeiten kommen noch infrage?

Bei Patienten mit leichten Depressionen kann auch das sogenannte „Beobachtende Abwarten“ gewählt werden. Dabei beginnt zunächst keine Behandlung, ein Arzt beobachtet regelmäßig, ob sich die Beschwerden verändern. Bei leichten Depressionen können zunächst auch unterstützende Gespräche, eine allgemeine Beratung, Aufklärung über die Erkrankung, angeleitete Selbsthilfe, z.B. durch Selbsthilfebücher oder Online-Programme sowie Problemlöseansätze angeboten werden, bevor eine Pharmakotherapie oder Psychotherapie begonnen wird. Bei mittelschweren Depressionen kommt auch – alternativ zu einer Behandlung mit Antidepressiva – eine alleinige Behandlung mit Psychotherapie infrage. Bei schweren Depressionen ist die Kombination aus medikamentöser Behandlung und Psychotherapie am besten geeignet. Weiterhin gibt es ergänzende Behandlungsformen wie Bewegung bzw. Sport, Lichttherapie, Wachtherapie und Unterstützung durch Selbsthilfegruppen.

Welche weiterführenden Informationen können noch helfen?


Tipps für das Arztgespräch bei Depressionen

Es ist ein großer Schritt, bei dem Verdacht auf eine Depression, einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen. Unsere Checkliste hilft bei der Vorbereitung auf das Erstgespräch.


Über diese Faktenbox

Autoren

Sarah Liebherz (Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin), Dr. Jörg Dirmaier (Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut), Prof. Dr. Dr. Martin Härter (Arzt, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut), Dr. Alessa von Wolff (Diplom-Psychologin)

Beteiligter Experte

Prof. Dr. med. Tom Bschor (Schloßpark-Klinik Berlin)

Quellen

Alle Informationen entsprechen dem aktuellen Stand der Forschung und wurden aus den aktuellen Versorgungsleitlinien entnommen, die von Vertretern vieler Fachgesellschaften erarbeitet wurde. Ergänzend wurden weitere aktuelle wissenschaftliche Arbeiten einbezogen, die nach dem Erscheinen der Leitlinie veröffentlicht wurden. Die dargestellten Informationen wurden sorgfältig recherchiert. Eine Übersicht über die verwendeten Quellen finden Sie im Evidenznachweis.

Haftungshinweis

Diese Faktenbox wurde mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Dennoch können wir keine Gewähr für die Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität der Inhalte geben. Gleiches gilt insbesondere für die Inhalte externer Links. Insbesondere ersetzt die Faktenbox keinen Arztbesuch oder eine ärztliche Beratung und Untersuchung. Die in den Faktenboxen veröffentlichten Informationen sollen Ihnen als Unterstützung für die Vorbereitung des Arztgespräches dienen.

Diese Faktenbox wurde von der Bertelsmann Stiftung erstellt in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf – Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie, Arbeitsgruppe „Patientenbeteiligung bei medizinischen Entscheidungen“ sowie dem Projekt psychenet – Hamburger Netz psychische Gesundheit – Teilprojekt II „Interaktives Internetportal“ – gefördert vom Bundesbildungsministerium für Bildung und Forschung (BMBF) – Förderkennzeichen 01KQ1002B.

Zuletzt aktualisiert: Juni 2015
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