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Wirken Medikamente bei Angststörungen?

Hier finden Sie wissenschaftlich gesicherte Fakten für Ihre Entscheidung.

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Medikamente wirken bei gut der Hälfte der Patienten mit Angststörungen

Es gibt mehrere Medikamente, die bei Angststörungen gut und schnell wirken. Bei 54 von 100 Patienten, die mit einem Angstmedikament behandelt wurden, haben sich die Beschwerden (Sorgen, Zittern, Herzrasen, Schwindel, Übelkeit, Muskelverspannungen) gebessert. Allerdings  ist zu beachten, dass Angstmedikamente – wie alle Arzneimittel – Nebenwirkungen haben. Untersuchungen zeigen, dass eine medikamentöse Behandlung und eine kognitive Verhaltenstherapie (Psychotherapie) bei generalisierten Angststörungen gleich wirksam sind. Ob eine Behandlung mit Angstmedikamenten infrage kommt, sollte mit dem Arzt besprochen werden.

Nutzen und Vorteile einer medikamentösen Behandlung

Bei wie vielen Betroffenen haben sich die Beschwerden nach 8 bis 28 Wochen Behandlung verbessert?

Grafik Madikamente gegen Angst

Angstmedikamente wirken gut. Bei etwas mehr als der Hälfte der Patienten, die mit einem Angstmedikament behandelt wurden, haben sich die Beschwerden (Sorgen, Zittern, Herzrasen, Schwindel, Übelkeit, Muskelverspannungen) gebessert. Bei Patienten, die ein Placebo (Scheinmedikament) erhalten haben, war es ein kleinerer Teil.

Weitere Vorteile:

  • Angstmedikamente wirken im Vergleich zu Psychotherapie relativ schnell – bereits nach zwei bis drei Wochen. (Bei einer Psychotherapie tritt die Wirkung nach rund vier bis fünfzehn Wochen ein.)
  • Die Behandlung erfordert im Vergleich zur Psychotherapie wenig Zeitaufwand.

Untersuchungen zeigen weiterhin, dass sowohl die Behandlung mit Medikamenten als auch eine kognitive Verhaltenstherapie (Psychotherapie) bei Patienten mit einer generalisierten Angststörung gleich wirksam sind.


Risiken und Nachteile einer medikamentösen Behandlung

Wie wahrscheinlich ist ein Rückfall, wenn die Behandlung fortgesetzt wird?

Um zu untersuchen, ob es hilft, Angstmedikamente, die in der akuten Phase gewirkt haben, weiter zu nehmen, wenn die Symptome abgeklungen sind, wurden Patienten in einer Untersuchung entweder 6 Monate mit dem Angstmedikament (SSRI oder SNRI) oder einem Placebo (Scheinmedikament) weiterbehandelt.

Grafik medikamentösen Behandlung gegen Angst
Die Zahlen zeigen, dass von den Patienten, die mit einem Angstmedikament behandelt wurden, weniger Patienten einen Rückfall bekommen haben, als Patienten, die mit einem Placebo behandelt wurden.

Angstmedikamente können – wie alle Medikamente – unerwünschte Wirkungen haben. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die möglichen Nebenwirkungen (u. a. Mundtrockenheit, Benommenheit, Schlafstörungen usw.). Durch die individuelle Auswahl eines geeigneten Medikaments kann man es häufig erreichen, dass die Behandlung mit nur wenigen oder sogar ohne Nebenwirkungen abläuft.

Auch wenn es Patienten wieder besser geht, sollten die Medikamente weiter eingenommen werden. Sind die Symptome ganz verschwunden, ist es trotzdem hilfreich, das Angstmedikament zur Verhinderung eines Rückfalls mindestens ein halbes Jahr weiter zu nehmen.


Die wichtigsten Fakten zusammengefasst

Positiv

  • Angstmedikamente wirken gut bei Generalisierter Angststörung.
  • Die Wirkung setzt schnell ein – meist nach 2-3 Wochen.

Neutral

  • Medikamentöse Therapie ist in etwa genauso wirksam wie Psychotherapie.

Negativ

  • Es können Nebenwirkungen auftreten.
  • Es ist wichtig, die Angstmedikamente nach dem Rückgang der Angstsymptome noch mindestens sechs Monate weiter einzunehmen, damit Rückfälle sicherer vermieden werden.
  • Patienten erhalten möglicherweise keine Anleitung / Unterstützung, wie sie mit aufkommenden Ängsten und Sorgen umgehen können.

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Weitere Informationen zum Thema Medikamente bei Angststörungen

Was passiert bei einer Behandlung mit Angstmedikamenten?

Im Gehirn verlaufen Nervenbahnen, die man sich wie Kabel in einem elektrischen Gerät vorstellen kann. Die Nachrichtenübertragung im Gehirn verläuft sowohl auf elektrischem wie auch auf biochemischem Wege. Die Übertragung am Übergang zwischen zwei Nervenzellen kann hierbei gestört sein. Diese Übertragung geschieht mit Hilfe von Botenstoffen, sogenannten „Neurotransmittern“, wie zum Beispiel Serotonin oder Noradrenalin. Angstmedikamente greifen an dieser Stelle ein, indem die die gestörte Nervenübertragung beeinflussen.

Für wen kommt die Behandlung mit Angstmedikamenten infrage?

Angststörungen können gut behandelt werden. Ob eine Behandlung mit Angstmedikamenten infrage kommt, sollte mit dem Arzt in einem Informationsgespräch besprochen werden. Besonders folgende Aspekte sollten dabei eine Rolle spielen:

  • Wirkeintritt (z. B. wie schnell ein Medikament anfängt zu wirken oder wie lange die Wirkung anhält),
  • Nachhaltigkeit,
  • unerwünschte Wirkungen und
  • Verfügbarkeit.

Die Behandlung kann neben einer medikamentösen Therapie auch durch psychotherapeutische Verfahren erfolgen. Beides kann auch kombiniert werden. Natürlich spielen auch persönliche Wünsche und Vorstellungen eine entscheidende Rolle bei der Wahl der Behandlung.

Welche Unterschiede gibt es bei Angstmedikamenten?

Die wichtigsten Gruppen der Angstmedikamente sind Antidepressiva wie:

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
  • Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)
  • Trizyklische Antidepressiva (TZA)
  • Moclobemid

Das bedeutet aber nicht, dass Sie – wenn Sie damit behandelt werden – auch gleichzeitig eine Depression haben. Es hängt damit zusammen, dass bei Angst und Depressionen ähnliche Botenstoffe im Gehirn beteiligt sind. Deshalb wirken diese Medikamente bei beiden Erkrankungen.

Außerdem werden folgende Medikamente verschrieben:

  • Pregabalin
  • Opipramol
  • Buspiron

Wichtig: Manche Ärzte verschreiben bei Ängsten zunächst Beruhigungsmittel (sogenannte Benzodiazepine). Diese reduzieren Ängste sehr schnell, können aber abhängig machen und werden daher nicht empfohlen. Sie sollten nur in Ausnahmefällen (z. B. bei schweren Herzerkrankungen, wenn Standardmedikamente nicht geeignet sind oder bei Suizidgedanken) und nicht länger als vier Wochen eingenommen werden.

Welche weiterführenden Informationen können noch helfen?


Über diese Faktenbox

Autoren

PD Dr. Rüya-Daniela Kocalevent, MPH (Diplom-Psychologin und Master of Public Health), Sarah Liebherz (Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin), Dr. Jörg Dirmaier (Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut), Prof. Dr. Dr. Martin Härter (Arzt, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut)

Beteiligte Experten

Prof. Dr. med. Borwin Bandelow, Dr. Dipl.-Psych. Jörg Angenendt

Quellen

Alle Informationen entsprechen dem aktuellen Stand der Forschung und wurden aus den aktuellen Versorgungsleitlinien (PDF) entnommen, die von Vertretern vieler Fachgesellschaften erarbeitet wurden (Bandelow et al., 2014a, 2014b).

Haftungshinweis

Diese Faktenbox wurde mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Dennoch können wir keine Gewähr für die Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität der Inhalte geben. Gleiches gilt insbesondere für die Inhalte externer Links. Insbesondere ersetzt die Faktenbox keinen Arztbesuch oder eine ärztliche Beratung und Untersuchung. Die in den Faktenboxen veröffentlichten Informationen sollen Ihnen als Unterstützung für die Vorbereitung des Arztgespräches dienen.

Diese Faktenbox wurde von der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf – Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie erstellt.

Zuletzt aktualisiert: November 2015
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