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Wirken Medikamente bei Agoraphobie?

Hier finden Sie wissenschaftlich gesicherte Fakten für Ihre Entscheidung.

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Medikamente gepaart mit einer Psychotherapie lindern die Beschwerden bei Agoraphobie am besten

Wer von einer Agoraphobie (Angst vor großen Plätzen oder vor fremden Umgebungen), betroffen ist, hat Angst, aus dem Haus zu gehen, sich zum Beispiel auf großen Plätzen oder in Kaufhäusern aufzuhalten. Agoraphobie mit oder ohne Panikstörung kann durch Angstmedikamente gut behandelt werden. Bei 48 von 100 Patienten bessern sich die Symptome bei einer Behandlung mit Angstmedikamenten. Erfolgt zusätzlich eine Psychotherapie, berichten noch mehr Patienten von einer Verbesserung der Beschwerden. Ob eine Behandlung mit Angstmedikamenten infrage kommt, sollte mit dem Arzt besprochen werden. Angstmedikamente können – wie alle Medikamente – Nebenwirkungen haben.

Nutzen und Vorteile einer medikamentösen Behandlung bei Agoraphobie

Bei wie vielen Betroffenen von Agoraphobie mit und ohne Panikstörung haben sich die Beschwerden nach 6 bis 28 Wochen Behandlung verbessert?

Grafik Pharmakotherapie Agoraphobie
Die Zahlen zeigen, dass sich bei fast der Hälfte der Patienten die Symptome bei einer Behandlung mit Angstmedikamenten bessern. Erfolgt zusätzlich eine Psychotherapie, berichten jedoch mehr Patienten von einer Verbesserung der Beschwerden.

Risiken und Nachteile einer medikamentösen Behandlung bei Agoraphobie

Wie wahrscheinlich ist ein Rückfall, wenn die Behandlung fortgesetzt wird?

Grafik Pharmakotherapie Agoraphobie
Die Zahlen zeigen, dass weniger Patienten, die mit einem Angstmedikament behandelt wurden, einen Rückfall bekommen haben, als Patienten, die ein Placebo einnahmen.

Auch wenn es Patienten wieder besser geht, sollten die Medikamente weiter eingenommen werden. Sind die Symptome ganz verschwunden, ist es trotzdem hilfreich, das Angstmedikament zur Verhinderung eines Rückfalls mindestens ein halbes Jahr weiter zu nehmen.

Angstmedikamente können – wie alle Medikamente – unerwünschte Wirkungen haben. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die möglichen Nebenwirkungen (u.a. Unruhe, Benommenheit, Schlafstörungen usw.). Durch die individuelle Auswahl eines geeigneten Medikaments kann aber häufig erreicht werden, dass die Behandlung mit nur wenigen oder sogar ohne Nebenwirkungen verläuft.

Erklärende Information zum Verständnis der Grafik

Um zu untersuchen, ob es hilft, Angstmedikamente, die in der akuten Phase gewirkt haben, weiter zu nehmen, wenn die Symptome abgeklungen sind, wurden Patienten in einer Untersuchung entweder 6 Monate mit einem Angstmedikament (SSRI oder SNRI) oder einem Placebo (Scheinmedikament) weiterbehandelt.


Die wichtigsten Fakten zusammengefasst

Positiv

  • Angstmedikamente wirken gut bei Agoraphobie mit und ohne Panikstörung.
  • Die Wirkung setzt schneller ein als bei Psychotherapie – meist nach 2-3 Wochen.

Neutral

  • Medikamentöse Therapie plus Psychotherapie ist am wirksamsten.

Negativ

  • Es können Nebenwirkungen auftreten.
  • Es ist wichtig, die Angstmedikamente nach dem Rückgang der Angstsymptome noch mindestens sechs Monate weiter einzunehmen, damit Rückfälle sicherer vermieden werden.
  • Bei ausschließlich medikamentöser Behandlung lernen die Patienten nicht, mit aufkommenden Ängsten und Panikattacken (nach Absetzen der Medikamente) umzugehen.

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Weitere Informationen zum Thema Medikamente bei Agoraphobie mit und ohne Panikstörung

Was passiert bei einer Behandlung mit Angstmedikamenten?

Im Gehirn verlaufen Nervenbahnen, die man sich wie Kabel in einem elektrischen Gerät vorstellen kann. Die Nachrichtenübertragung im Gehirn verläuft sowohl auf elektrischem wie auch auf biochemischem Wege. Die Übertragung am Übergang zwischen zwei Nervenzellen kann hierbei gestört sein. Diese Übertragung geschieht mit Hilfe von Botenstoffen, sogenannten "Neurotransmittern", wie zum Beispiel Serotonin oder Noradrenalin. Angstmedikamente greifen an dieser Stelle ein, indem sie die gestörte Nervenübertragung beeinflussen.

Welche Unterschiede gibt es bei Angstmedikamenten?

Die wichtigsten Gruppen der Angstmedikamente sind Antidepressiva wie:

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
  • Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)
  • Trizyklische Antidepressiva (TZA)

Das bedeutet aber nicht, dass Sie – wenn Sie damit behandelt werden – auch gleichzeitig eine Depression haben. Sowohl bei Angst als auch bei Depressionen sind ähnliche Botenstoffe im Gehirn beteiligt. Deshalb wirken diese Medikamente bei beiden Erkrankungen.

Wichtig: Manche Ärzte verschreiben bei Ängsten zunächst Beruhigungsmittel (sogenannte Benzodiazepine). Diese reduzieren Ängste sehr schnell, können aber abhängig machen und werden daher nicht empfohlen. Sie sollten nur in Ausnahmefällen (z. B. bei schweren Herzerkrankungen, wenn Standardmedikamente nicht geeignet sind oder bei Suizidgefahr) und nur für kurze Zeit (nicht länger als vier Wochen) verordnet werden.

Für wen kommt die Behandlung mit Angstmedikamenten infrage?

Agoraphobie mit/ohne Panikstörung kann gut behandelt werden. Ob eine Behandlung mit Angstmedikamenten infrage kommt, sollte mit dem Arzt in einem Informationsgespräch besprochen werden. Besonders folgende Aspekte sollten dabei eine Rolle spielen:

  • Wirkeintritt (z. B. wie schnell ein Medikament anfängt zu wirken oder wie lange die Wirkung anhält),
  • Nachhaltigkeit,
  • unerwünschte Wirkungen und
  • Verfügbarkeit.

Die Behandlung kann neben einer medikamentösen Therapie auch durch psychotherapeutische Verfahren erfolgen. Beides kann auch kombiniert werden. Natürlich spielen auch Ihre persönlichen Wünsche und Vorstellungen eine entscheidende Rolle bei der Wahl der Behandlung.


Über diese Faktenbox

Autoren

PD Dr. Rüya-Daniela Kocalevent, MPH (Diplom-Psychologin und Master of Public Health), Sarah Liebherz (Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin), Dr. Jörg Dirmaier (Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut), Prof. Dr. Dr. Martin Härter (Arzt, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut)

Beteiligte Experten

Prof. Dr. med. Borwin Bandelow, Dr. Dipl.-Psych. Jörg Angenendt

Quellen

Alle Informationen entsprechen dem aktuellen Stand der Forschung und wurden aus den aktuellen Versorgungsleitlinien (PDF) entnommen, die von Vertretern vieler Fachgesellschaften erarbeitet wurden (Bandelow et al., 2014a, 2014b).

Haftungshinweis

Diese Faktenbox wurde mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Dennoch können wir keine Gewähr für die Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität der Inhalte geben. Gleiches gilt insbesondere für die Inhalte externer Links. Insbesondere ersetzt die Faktenbox keinen Arztbesuch oder eine ärztliche Beratung und Untersuchung. Die in den Faktenboxen veröffentlichten Informationen sollen Ihnen als Unterstützung für die Vorbereitung des Arztgespräches dienen.

Diese Faktenbox wurde von der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf – Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie erstellt.

Zuletzt aktualisiert: November 2015
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